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Esperantistische Tätigkeit

Um 1962 lernte ich an zwei Wochenenden Esperanto nach einem Kurs, der zwei bis drei Jahre zuvor in der Jugendzeitschrift Liliput veröffentlicht worden war und mich damals noch nicht interessiert hatte, wandte mich dann aber, da ich keinen Kontakt zu anderen Esperantisten hatte, weiteren Sprachen zu. Erst etwa 1965 fand ich in einer Buchhandlung ein Lehrbuch und darin Adressen, über die ich zu weiterer Literatur und zu Brieffreunden überall auf der Welt fand. Ich wurde Mitglied im Esperanto-Weltbund (Universala Esperanto-Asocio) und beim Deutschen Esperanto-Bund (Germana Esperanto-Asocio).

1966 befand ich mich mit meiner Schulklasse erstmals im nicht deutschsprachigen Ausland in England und machte dort die Erfahrung, dass ich mich im Londoner Esperanto-Club in dieser Sprache, auf deren Studium ich kaum Mühe verwandt hatte, besser verständigen konnte als auf Englisch, das ich acht Jahre lang gelernt hatte. Ich erzählte Mitschülern davon und schrieb auch einen Artikel über Esperanto für unsere Schülerzeitung.

Erstmals 1968 nahm ich zum Jahreswechsel an einem internationalen Esperanto-Seminar in Köln-Deutz teil und erfuhr dort die Leichtigkeit, mit der Sprecher verschiedenster Sprachen mit Hilfe von Esperanto miteinander kommunizieren können. Außerdem profitierte ich von einer hervorragenden Einführung in die Phonetik und Phonologie, die der britische Linguist John C. Wells  (London) hier durchführte. Von da an reiste ich häufiger zu solchen Veranstaltungen in Deutschland und dem nahen Luxemburg, später wiederholt auch in Polen.

Im Wintersemester 1970/71 besuchte ich am Sprachwissenschaftlichen Institut der Bonner Universität bei Bernhard Gröschel ein Seminar unter dem Titel „Welthilfssprachen. Projekte und Systeme von Comenius bis O. Jespersen“ und übernahm im Rahmen dieser Veranstaltung das Referat über Esperanto unter dem Titel „Das System der Internationalen Sprache Esperanto, ihre Geschichte, ihre heutige Gestalt und ihre Rolle in Literatur und Wissenschaft“. Mit dem 188 Seiten umfassenden Referattext bestritt ich allein fünf Sitzungen. Aus dem Interesse der Studenten ergab sich im Sommersemester 1971 am Sprachwissenschaftlichen Institut ein Sprachkurs Esperanto, den ich leitete. Daraus konstituierte sich ein Arbeitskreis Esperanto (Laborrondo Esperanto), der ab dem Wintersemester 1971/72 regelmäßig zusammentrat, Kurse durchführte und für die Anschaffung esperantistischer Literatur am Sprachwissenschaftlichen Institut Sorge trug.

Im Zusammenhang damit entwickelte ich auch meine Vortragstätigkeit. 1971 veröffenlichte ich in der Zeitschrift Esperanto einen Artikel über den litauischen Einfluss auf Esperanto unter dem Titel „Ĉu Zamenhof scipovis la litovan?“ [Konnte Zamenhof Litauisch?], 1972 sprach ich in Bochum über „Principoj de lingva evoluigo en Esperanto“ [Prinzipien der Sprachentwicklung in Esperanto]. Am 21. Mai 1972 bestand ich in Braunschweig die Sprachprüfung für Esperanto beim Deutschen Esperanto-Institut, am 29. Dezember 1972 in Darmstadt auch die höhere Sprachprüfung. 1973 legte ich ein Raporto pri la Agado de Laborrondo Esperanto ĉe la Bonna Universitato [Bericht über die Tätigkeit des Arbeitskreises Esperanto an der Bonner Universität] vor.

Im Sommer 1972 nahm ich am Esperanto-Weltjugendkongress in Thorn teil mit einem Vorkongress in Warschau und einem Nachkongress in Danzig. Neben Luxemburg wurde Polen in der Folge das Land, zu dem ich die engsten Esperanto-Kontakte unterhielt (1975 in Inowrocław, 1976 in Siedlce und Warschau). Der Versuch, eine Gruppe polnischer Musiker nach Bonn einzuladen, scheiterte im letzten Augenblick (die Plakate waren schon gedruckt), weil die Polen keine Ausreisegenehmigung erhielten.

Inzwischen hatte ich den Anfängerunterricht und dann auch den Fortgeschrittenenkurs an meine ehemaligen Schüler Klaus-Peter Fritz, Heike Lühmann und Yashovardhan, mit denen zusammen wir ein einsprachiges Esperantolehrbuch unter dem Titel Lernu kun ni Esperanton im Selbstverlag herausgaben, abgetreten und leitete selbst Übungen zur Esperantologie und Esperanto-Literatur. Zu diesem Zwecke führte ich im Herbst 1973 umfangreiche Recherchen am Internationalen Esperanto-Museum in Wien durch und hielt dann im Wintersemester 1973/74 erstmals ein entsprechendes Seminar in den Räumen des Sprachwissenschaftlichen Instituts. Mein besonderes Interesse galt den Frühformen des Esperanto Lingwe uniwersala (1878) und Lingvo universala (1883), für die ich 1974 ein Wörterbuch mit Übersetzung ins Esperanto zusammenstellte, daneben der Etymologie des Esperanto. Um diese Zeit erhielt ich in Estland einen Preis für das Esperanto-Gedicht Vesperiĝo, das im Juli 1972 in Polen entstanden war, zuerkannt:

 

La Vistulo larĝe fluas,

Kvazaŭ el hidrarg’ kvietas,

Tra arbustoj arĝentetas;

Kaj ĉielo pale bluas.

 

Ĉe la akvo paro kuna

Tre feliĉa en silento;

Revojn teksas ĝoja sento

En ekama gajo juna.

 

1974 wurde ich vom Deutschen Esperanto-Institut zum Prüfer für die Sprachprüfung ernannt, 1976 erhielt ich die Berechtigung zur Abnahme auch der höheren Sprachprüfung, nachdem eine Prüfungskommission des Deutschen Esperanto-Instituts für den Raum Köln-Bonn unter meinem Vorsitz und mit den beisitzenden Prüfern Klaus-Peter Fritz und Erhard Herlitze ins Leben gerufen worden war. 1977 führten wir in Paderborn Prüfungen durch.

Mittlerweile hatte ich 1975 in Luxemburg über das europäische Sprachproblem und die Geschichte seiner Lösungsversuche [La Eŭropa lingva problemo kaj la historio de ĝiaj solvoj] referiert, 1976 beim 8. Saarländischen Kulturwochenende, im selben Jahr auch in Warschau, Vorträge über die Entstehung und Entwicklung des Esperanto, die Biographie Zamenhofs, Esperanto unter sprachtypologischem Aspekt und über den ideologischen Hintergrund der Entstehung des Esperanto (homaranismo) gehalten.

Die zunehmende Inanspruchnahme durch die Arbeit an der Dissertation erzwang dann meinen Rückzug aus Esperanto-Aktivitäten, obwohl ich auch noch während meines Aufenthaltes in Krakau 1978/79 dort an leitender Stelle am Esperanto-Leben teilnahm und Vorträge hielt. Das Aus kam mit meiner ersten Eheschließung 1980 (Esperantisten kennen das geflügelte Wort edzino – fino); seither verfolge ich das Esperanto-Leben nur mehr passiv mit Sympathie. Erst in meinem jüngst abgeschlossenen Lehrwerk zur Slavia Latina habe ich in einem eigenen Kapitel auch das Literaturschaffen der Slavia Latina auf Esperanto berücksichtigt, ebenso in einem Aufsatz unter dem Titel „Muss man als Slavist Esperanto lernen? oder: Gibt es eine Slavia Esperantica?“, in dem ich zeigen konnte, dass fast 50% des Literaturschaffens auf Esperanto das Werk von Slaven ist. Slavisten sind also in besonderem Maße gehalten, auch das Literaturschaffen auf Esperanto zur Kenntnis zu nehmen.